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Worum es in diesem Beitrag geht, möchte ich mit folgenden Beispielen beschreiben

Anna reklamiert in einem Geschäft ein defektes Produkt, welche sie kürzlich dort gekauft hatte. Sie spricht die Verkäuferin Lena an. Nun kann dieses Gespräch von zwei Seiten aus schief laufen.

Anna könnte mit kritischen Vorwürfen reagieren und die Verkäuferin Lena könnte kleinlaut und angepasst darauf antworten. Anna hätte somit das Gefühl, dass sie die Situation kontrollieren würde und Lena würde sich passiv den Vorwürfen ausliefern.

Es könnte aber auch so laufen: Anna spricht freundlich, aber mit einer innerlichen Anspannung, Lena auf den Defekt und ihren Wunsch zum Umtausch an. Die Verkäuferin Lena könnte jedoch mit Gleichgültigkeit und rebellisch reagieren. Woraufhin Anna sich nicht ernst genommen fühlt und laut wird, um ihr Recht durchzusetzen.

Diese Beispiele zeigen Situationen, die wir bereits alle zum Teil oder in einem ähnlichen Muster schon selbst erlebt haben oder zumindest mitverfolgen durften. Um zu wissen, dass diese ungünstig verlaufen sind, brauchen wir keine Kommunikationsexperten zu sein.

Was die meisten aber nicht wissen ist, wie gehe ich mit einer solchen Situation um und wie kann ich sie lösen, wenn ich mich darin wieder finde.

Kommunikation läuft meist unbewusst in uns ab

Es ist hilfreich erst einmal zu verstehen, was im oberen Beispiel passiert ist. Die wenigsten Menschen haben ein Bewusstsein für ihre Form der Kommunikation. Die Kommunikation läuft bei den meisten Menschen unbewusst ab und auch deshalb, weil den meisten Menschen das Wissen darüber fehlt.

Aber selbst den Menschen, die das Wissen darüber haben, passiert es immer wieder mal in solche oder ähnliche Situationen rein gezogen zu werden. Solche Situationen werfen uns oftmals in unsere Kindheit zurück und triggern unverarbeitete Themen. Das bedeutet, dass niemand mit bösen Willen oder absichtlich diese Art der Kommunikation wählt.

Um aus unserem individuellen Verhaltensmuster auszubrechen, braucht es für eine gewisse Zeit eine Konzentration auf das Thema. Wir müssen alte Themen auflösen, um unsere unbewusste Grundhaltung ändern zu können. Immer wenn wir eine Verhaltensänderung trainieren wollen, benötigt es eine Weile bis wir es erfolgreich umsetzen können und dies aus der Gewohnheit heraus geschieht. Das klingt jetzt natürlich nach Arbeit. Aber sie lohnt sich, da wir für den Rest unseres Lebens dafür die Ernte einfahren dürfen.

Hintergrundwissen zum Ich-Zustands-Modell

Nach dem Ich-Zustands-Modell von Dr. Eric Berne kommunizieren wir im Alltag aus drei unterschiedlichen Haltungen heraus. Diese Haltungen bezeichnen wir als Ich-Zustände. Sie zeigen sich im Denken, Fühlen und Verhalten.

  1. Eltern-Ich = kritisch oder fürsorglich
  2. Erwachsenen-Ich = sachlich
  3. Kind-Ich = angepasst oder frei oder rebellisch

Wenn ein Gespräch zwischen zwei Menschen stattfindet, kommuniziert jeder einzelne immer aus einem Ich-Zustand heraus. Das gibt uns die Möglichkeit das Gespräch zwischen zwei Menschen zu analysieren. Dabei können wir das Gesagte analysieren, aber auch welche Informationen zwischen den Zeilen ausgetauscht werden.

So können sich z.B. zwei Erwachsene an der Oberfläche im Erwachsenen-Ich unterhalten, aber zwischen den Zeilen aus der Haltung des kritischen Eltern-Ich. An der Atmosphäre im Raum spüren wir dann die angespannte Stimmung sehr deutlich.

Das Ziel ist aus dem Erwachsenen-Ich heraus zu kommunizieren

Für Erwachsene ist das Ziel möglichst viel im Erwachsenen-Ich zu sein. Wenn zwei Gesprächspartner ausschließlich aus dem Erwachsenen-Ich heraus kommunizieren, ist das Gespräch auf Augenhöhe, sachlich und somit ohne Emotionen.

Ein solches Gespräch empfinden wir als unkompliziert, lösungsorientiert und fokussiert. Gerade im Business-Kontext ist eine solche Gesprächskultur besonders wünschenswert, da mit ihr das Businessziel ohne zwischenmenschliche Störungen schnell erreicht werden kann.

In solchen Gespräch auf Emotionen oder zwischenmenschliche Spiele zu verzichten, stellt aber für viele Menschen eine Herausforderung dar. Denn die Hierarchieebenen und Strukturen in den Unternehmen erinnern uns unbewusst an unsere Herkunftsfamilie.

So können Emotionen gegenüber den Eltern schnell auf den Vorgesetzten projiziert werden. Das Verhalten des Angestellten wechselt meist ins Kind-Ich und fordert den Vorgesetzten heraus aus dem Eltern-Ich zu antworten. Da viele Vorgesetzte wenig Kenntnis über dieses Kommunikationsmodell haben, können sie manchmal auch nicht anders, als unbewusst den entsprechenden Gegenpart zu spielen.

Natürlich könnte der Vorgesetzte auch aus dem gleichen Ich-Zustand heraus zu antworten, wie sein Angestellter. In unserem Beispiel spricht der Angestellte aus dem Kind-Ich. Nehmen wir für dieses Beispiel das rebellische Kind-Ich. Der Vorgesetzte könnte aus dem angepassten Kind-Ich antworten. Das würde bedeuten, dass der Vorgesetzte vor dem Mitarbeiter einknicken und seine eigene Autorität damit untergraben würde. Wir können uns vorstellen, dass dies die schlechteste Möglichkeit wäre mit einem Mitarbeiter zu kommunizieren. Somit würden die wenigsten Vorgesetzten aus einem Kind-Ich antworten.

Im Eltern-Ich stehen wir über unserem Gesprächspartner

Im Eltern-Ich gibt es zwei Varianten. Wenn uns ein Gesprächspartner im kritische Eltern-Ich begegnet, erinnert uns das an das Verhalten unserer Eltern, wenn sie klare Ansagen gemacht oder mit uns geschimpft haben.

Ziel dieser Verhaltensweise ist, z.B. uns den Ärger mitzuteilen, Struktur zu geben oder zu kritisieren. Wenn wir selbst aus dem Eltern-Ich heraus kommunizieren, besteht immer die Gefahr, dass wir uns über unseren Gesprächspartner stellen und das Gespräch nicht mehr auf Augenhöhe stattfindet.

In der Kindererziehung ist das nach heutiger gesellschaftlicher Auffassung in Ordnung. Strukturen und Regeln geben Kindern Sicherheit und Kritik unterstützt sie dabei sich in der Gesellschaft einzufinden.

Unter Erwachsenen ist Kritik eher anmaßend, da ein Kritiker die Haltung vermittelt, er würde das Richtige vermitteln und die absolute Wahrheit kennen. Dabei liegt genau darin der Fehler. Denn niemand kann die absolute Wahrheit oder das absolut Richtige kennen, da es nicht die eine Wahrheit oder das absolut Richtige gibt. Kinder erkennen meist in der Pupertät, dass ihre Eltern auch nicht immer recht haben, was zur natürlichen Entwicklung eines Erwachenen gehört.

Das fürsorgliche Eltern-Ich fühlt sich warm und geborgen an

Ähnlich ist es auch beim fürsorglichen Eltern-Ich. Spricht unser Gesprächspartner mit uns aus einer fürsorglichen Haltung heraus, erinnert uns dies ebenso an unsere Kindheit. Denn in unserer Kindheit wurden wir fürsorglich von unseren Eltern umsorgt. Das gab uns ein Gefühl von Geborgenheit und Wärme. Wir konnten uns fallenlassen und die Kontrolle vertrauensvoll an unsere Eltern abgeben. Die Eltern hatten somit die Verantwortung übernommen und natürlich war dann die Beziehung nicht mehr auf Augenhöhe. Als wir Kind waren, war das auch natürlich und vollkommen in Ordnung.

Als Erwachsene tragen wir allerdings die Verantwortung für unser Leben selbst und benötigen diese Fürsorge im Normalfall nicht mehr. Schließlich können wir uns diese Fürsorge mittlerweile selbst geben.

Natürlich gibt es Ausnahmesituationen in denen Fürsorglichkeit z.B. vom Partner auch wohltuend sein kann. Findet aber zwischen zwei Erwachsenen eine Beziehungsdynamik statt, in der sich ein Erwachsener vermehrt im fürsorglichen Eltern-Ich befindet, gerät die Beziehung ins Ungleichgewicht. Die Beziehung ist nicht mehr auf Augenhöhe und der Empfänger der Fürsorglichkeit wird ins Kind-Ich gedrängt oder fordert durch sein kindliches Verhalten die Fürsorglichkeit seines Gegenübers heraus oder umgekehrt.

Im Kind-Ich sind wir klein

Das Verhalten im Kind-Ich bietet drei verschiedene Varianten: das angepasste Kind-Ich, das rebellische Kind-Ich und das freie Kind-Ich. Alle drei Varianten bieten den Gegenpart für das Eltern-Ich. Das bedeutet, wenn ein Gesprächspartner aus dem Kind-Ich heraus spricht, spricht er beim Gegenüber ein Eltern-Ich Anteil an und erwartet i.d.R. auch eine Reaktion aus diesem Verhaltensmuster. Genauso ist es, wenn der Gesprächspartner uns aus dem Eltern-Ich anspricht. Dann erwartet er eine Reaktion aus dem Kind-Ich.

Das freie Kind bringt uns Spaß im Leben und in der Arbeit

Das freie Kind ist der ursprüngliche und natürliche Teil in uns. Emotionen leben wir in seiner reinsten Form aus. Wir tanzen, singen, albern herum, drücken Freude aus und sind kreativ. Manchmal sind wir auch egoistisch oder rücksichtslos, wenn es um die eigenen Bedürfnisse geht. Zu unseren Bedürfnissen haben wir einen sehr guten Zugang. Kommunizieren aber damit auch nicht auf Augenhöhe. Die freie Kind-Ich Haltung unterstützt uns bei der Arbeit. Es zeigt uns, wie wir spielerisch und mit Spaß arbeiten und uns weiterentwickeln können. Das freie Kind bringt Leichtigkeit in unser Leben. Somit sollten wir immer ein Stück vom freien Kind in uns bewahren.

Das angepasste Kind lebt für andere, aber nicht für sich

Das angepasste Kind-Ich stellt seine eigenen Bedürfnisse zurück und erhofft sich damit eine friedvolle Umwelt. Es geht um das Zurücknehmen der eigenen Person, was auch ein Stück Passivität bzw. Flucht bedeutet. Das angepasste Kind-Ich unterwirft sich den Regeln und Erwartungen anderer. Natürlich benötigt eine gesunde Gesellschaft zu Gunsten des Kollektivs, dass wir uns auch mal zurücknehmen. Aber das angepasste Kind kennt dies als Dauerzustand und verlernt mit der Zeit die eigenen Bedürfnisse überhaupt wahrzunehmen. Durch Erfahrungen in unserer Kindheit haben wir bereits sehr früh die Entscheidung getroffen diese Strategie zu wählen, da sie für unser Überleben wichtig war. Menschen sind aber sehr unterschiedlich und treffen in den gleichen Situationen unterschiedliche Entscheidung bzw. wählen unterschiedliche Überlebensstrategien.

Das rebellische Kind neigt zu schreien und zum Trotz

So kann eine andere Gruppe von Kleinkindern die Strategie wählen die Haltung eines rebellischen Kindes einzunehmen. Das rebellische Kind-Ich reagiert gegensätzlich zum angepasst Kind-Ich. Im positiven Fall kann es Perspektiven erweitern. Im negativen Fall wirkt es wie ein bockiges Kind, welches konstruktive Lösungen verhindert. Es lehnt sich gegen Autorität auf und wartet nur darauf das Gegenteil zu tun von dem was ihm aufgetragen wurde. Das ist auch eine Art von Kampf, statt Flucht und kann auf Dauer sehr anstrengend für das rebellische Kind und den Gesprächspartner werden.

Das alte Muster durchbrechen

Es gibt zahlreiche Wege das Muster zu durchbrechen, um künftig mehr aus dem Erwachsenen-Ich heraus zu kommunizieren und eine gute Kommunikation und damit auch Beziehungen zu gestalten.

3 Schritte, um künftig besser zu kommunizieren

Bewusstheit schaffen

Wir können beginnen uns erst einmal bewusst zu machen, wann wir aus dem Eltern-Ich und wann wir aus dem Kind-Ich heraus kommunizieren. In welchen Situationen sind wir in einen der beiden Ich-Zustände? Oftmals ist uns unser Verhalten selbst gar nicht bewusst. Genauso wenig, wie es unserem Gesprächspartner bewusst ist, wie er sich uns gegenüber verhält.

Wo ist der Ursprung

Wir fragen uns selbst an wen oder welche Situation uns unsere heutige Kommunikations-Haltung erinnert. Irgendwann haben wir die Entscheidung getroffen auf diese Art zu kommunizieren. Wenn wir uns diese Situation bewusst werden, können wir bereits schon durch diese Bewusstwerdung einiges in unserem Verhalten ändern. Beispielfrage an uns selbst: Wann hatte ich in meiner Kindheit das Gefühl, dass es besser ist angepasste oder rebellisch zu sein?

Der Königsweg

Wenn wir unsere Themen aus der Kindheit geklärt haben, wird uns der Gesprächspartner nicht mehr triggern können und wir haben auch keinen Grund mehr etwas persönlich zu nehmen und emotional auf ihn zu reagieren. Somit werden wir fast schon intuitiv aus dem Erwachsenen-Ich antworten, d.h. wir werden aus dem Gesagten die sachliche Information herausfiltern und darauf auch sachlich antworten. Alternativ werden wir weitere sachliche Verständnisfragen stellen. Das wird unser Gegenüber irritieren und diese Person wird möglicherweise nochmal versuchen, uns in die passende Gegenrolle mit einer bestimmten Reaktion zu drängen. Wenn wir konsequent im Erwachsenen-Ich bleiben, wird auch der Konflikt aus bleiben.

Natürlich können wir uns dieses Verhalten auch antrainieren ohne in der Vergangenheit zu ergründen, warum wir eine ungesunde Form der Kommunikation wählen. Solange wir unsere Emotionen kontrollieren können, kann das auch sehr gut funktionieren. Sollten uns aber bestimmte Situationen zu sehr triggern, bleibt der Weg über die Vergangenheit wohl nicht aus.

Für alle, die mehr wissen wollen

Wenn du mehr über das Ich-Zustands-Modell wissen möchtest, empfehle ich dir die Bücher aus dem Bereich der Transaktionsanalyse. Unter meinen Buchempfehlungen findest du z.B. folgende Bücher:

  • Das konstruktive Gespräch ein Leidfaden von Manfred Gührs und Claus Nowak
  • Wie man Lebenspläne verändert von Claude Steiner
  • Die Transaktionsanalyse von Ian Stewart Vann Joines

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